Der Exorzist: der reale Fall hinter Regan
Der Exorzist ist nicht aus einer Legende entstanden, die erfunden wurde, um Kinokarten zu verkaufen. Er ist aber auch keine getreue Abschrift einer kirchlichen Akte. William Friedkins Film, 1973 erschienen, kam nach dem 1971 veröffentlichten Roman von William Peter Blatty ins Kino – und dieser Roman hat sehr wohl einen konkreten Ursprung: einen Exorzismus-Fall von 1949 bei einem 14-jährigen Jungen in Maryland.
Und hier wird es unbequem. Denn die wahre Geschichte hinter Der Exorzist ist weniger spektakulär als Regan, die ihren Kopf dreht, aber vielleicht verstörender: eine verängstigte Familie, ratlose Ärzte, Priester, die sich Notizen machen, Lokalzeitungen, die einen privaten Fall in Treibstoff für einen der einflussreichsten Horrorfilme der Geschichte verwandeln.
Der Fall, über den Blatty in Georgetown las
William Peter Blatty studierte an der Georgetown University, als er die Meldung über einen Exorzismus an einem Jugendlichen aus der Gegend von Prince George’s County in Maryland las. Er war damals noch nicht der Autor, den man mit religiösem Horror verbindet. Er war ein Student, der in der Presse auf eine seltsame Geschichte stieß: ein Junge, eine angebliche Besessenheit, katholische Priester und ein Ritual, das wochenlang wiederholt wurde.
Jahre später machte Blatty aus diesem Samen einen Roman. Danach adaptierte er das Buch selbst zum Drehbuch des Films. Deshalb lohnt es sich, drei Ebenen zu trennen: den Fall von 1949, den Roman von 1971 und den Film von 1973. Der Film „stellt“ den realen Fall nicht „nach“, er verwandelt ihn. Er ändert das Geschlecht der Hauptfigur, verschiebt das dramatische Zentrum, erfindet Figuren, verdichtet Ereignisse und macht aus einer umstrittenen Geschichte einen fast chirurgisch präzisen visuellen Albtraum.
Wer war der echte Junge hinter Der Exorzist?
Jahrzehntelang sprach man über ihn nur unter Pseudonymen: Roland Doe, Robbie Mannheim, Robert Mannheim. Diese Namen schützten die Identität des Minderjährigen und nährten zugleich das Geheimnis. Mit einiger Sicherheit wusste man nur das Grundlegende: Er war 14 Jahre alt, lebte in Maryland, und seine Familie begann, bestimmte Phänomene als Zeichen von etwas Übernatürlichem zu deuten.
In den letzten Jahren haben mehrere journalistische und skeptische Recherchen darauf hingewiesen, dass es sich bei dem Jungen um Ronald Edwin Hunkeler gehandelt haben soll, geboren 1935 und gestorben 2020. Diese Information macht nicht automatisch jedes Detail des Falls zur paranormalen Wahrheit. Vielmehr lässt sie etwas erkennen, das die Legende gern ausblendet: Hinter dem Mythos stand ein echter Mensch mit einem echten Erwachsenenleben, der sehr lange nicht auf „den Jungen aus Der Exorzist“ reduziert werden wollte.
Laut diesen Recherchen arbeitete Hunkeler später in technischen Bereichen mit Verbindung zur NASA. Dieser Kontrast wirkt fast wie für einen ganz anderen Film geschrieben: Der angeblich besessene Junge aus den Boulevardblättern wird zu einem zurückhaltenden Erwachsenen, einem Ingenieur, jemandem, der eine Geschichte mit sich trug, die mit öffentlicher Normalität nichts zu tun hatte. Der Schrecken liegt hier nicht nur in dem, was in einem Zimmer passiert sein mag. Er liegt auch darin, dass es kein Entkommen aus der Erzählung gab.
Was 1949 laut den Berichten über den Fall geschah
Die am häufigsten wiederholten Versionen sprechen von Geräuschen in den Wänden, sich bewegenden Gegenständen, einem Bett, das sich verschob, Malen auf der Haut und heftigen Reaktionen während der Gebete. Die Familie, protestantisch geprägt, soll zunächst medizinische Erklärungen und religiöse Hilfe außerhalb des Katholizismus gesucht haben. Danach traten katholische Priester auf den Plan.
Der erste größere Versuch wird mit Pater Edward Hughes im Georgetown University Hospital in Verbindung gebracht. Die Episode endete übel: Späteren Berichten zufolge soll der Junge den Priester mit einem Teil des Bettes verletzt haben. Danach zog die Familie nach St. Louis, wo andere Jesuiten, darunter William S. Bowdern und Walter Halloran, an weiteren Exorzismus-Sitzungen teilnahmen.
Der berühmteste Teil der Akte stammt aus Tagebüchern und späteren Rekonstruktionen: Wörter, die auf der Haut erschienen, Sätze auf Latein, Anfälle während des Rituals, veränderte Stimmen. Doch selbst innerhalb der religiösen und journalistischen Quellen gibt es unscharfe Bereiche. Manche Behauptungen stammen von gläubigen Zeugen; andere wurden von der Presse wiederholt; wieder andere wurden von Forschern infrage gestellt, die psychologische Erklärungen, familiäre Suggestion oder bewusstes Verhalten des Jugendlichen selbst vorschlagen.
Was der Film für immer verändert hat
Blattys großer Kunstgriff war es, aus einem anonymen Jungen Regan MacNeil zu machen, ein zwölfjähriges Mädchen, Tochter einer Schauspielerin, gefangen in einem Haus in Georgetown. Diese Änderung ist nicht unwichtig. Durch Regan wirkt die Bedrohung intimer, wehrloser, häuslicher. Die Mutter versteht nicht, was passiert, die Ärzte versagen, das Zimmer wird zum Schlachtfeld, und der Glaube taucht spät auf, fast als letzter Ausweg.
Auch die Priester ändern sich. Der reale Fall dreht sich um Geistliche, die mit dem Ritual verbunden waren. Der Film dagegen braucht Damien Karras: einen Priester mit Schuld, Trauer, psychischer Erschöpfung und einem Glauben in der Krise. Deshalb funktioniert Der Exorzist besser als viele Nachahmer. Es geht nicht nur darum, einen Dämon auszutreiben. Es geht darum, ob jemand weiter glauben kann, wenn alles, was er sieht, darauf ausgelegt scheint, ihn zu demütigen.
Also: wahre Geschichte oder religiöse Legende?
Die ehrliche Antwort ist unbequem: Der Exorzist ist von einem realen Fall inspiriert, beweist aber nicht, dass die Besessenheit real war. Ja, es gab eine Episode, die 1949 in der Presse dokumentiert wurde. Ja, es waren Priester beteiligt. Ja, es gab einen Jugendlichen, der durch Pseudonyme geschützt wurde. Ja, es gab eine Kette von Berichten, die Blatty kannte und in Literatur verwandelte. Was es nicht gibt, ist ein sauberer, abgeschlossener, unbestreitbarer Beweis, dass es sich um eine dämonische Besessenheit handelte.
Und vielleicht funktioniert der Fall genau deshalb bis heute. Wäre alles erfunden, wäre es nur eine entlarvte Anekdote. Wäre alles bewiesen, wäre es Doktrin, kein Horror. Die Kraft der Geschichte liegt in diesem Zwischenraum: Ärzte, die nicht überzeugen, Priester, die Tagebuch führen, eine Familie, die Zeichen deutet, ein Schriftsteller, der darin eine brutale Frage erkennt. Was bleibt, wenn die Vernunft nicht ausreicht und auch der Glaube nicht beruhigt?
Warum Der Exorzist immer noch Angst macht
Heute gehören viele Szenen des Films längst zur Popkultur: das Bett, die Stimme, das grüne Erbrochene, die Treppe in Georgetown. Doch der eigentliche Nerv liegt vor dem Spektakel. Er liegt im Warten. In der Mutter, die mitansieht, wie die Sprache ihrer Tochter zerbricht. In den medizinischen Untersuchungen, die umso kälter wirken, je weniger sie erklären. In Karras, der einer Stimme zuhört, die persönlichen Schmerz als Waffe einsetzt.
Die wahre Geschichte von Roland Doe – oder Ronald Hunkeler, wenn man diese Identifizierung akzeptiert – muss den Film nicht übertreffen. Sie kann es auch nicht. Der Film wurde darauf angelegt, sich in die Netzhaut zu brennen. Der Fall von 1949 gehört in ein anderes Gebiet: das der unvollständigen Akten, der alten Zeitungen, der interessengeleiteten Zeugenaussagen und der religiösen Angst der Nachkriegszeit. Genau deshalb ist er wichtig. Weil er daran erinnert, dass Der Exorzist nicht aus dem Nichts kam. Er kam aus einem Riss. Und das Kino hat ihn nur weiter aufgerissen.







